Unser Greifswalder Jung Hans Fallada (1893–1947) hat einen internationalen Bestseller gelandet. Und das 64 Jahre nach seinem Ableben. Erstaunliche Leistung! Sein letzter Roman Jeder stirbt für sich allein, der einen authentischen Fall von zivilem Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur schildert, ist derzeit in der SPIEGEL-Bestsellerliste auf Platz 7 vorgerutscht und liegt damit vor Titeln von Elke Heidenreich-Ranicki, Tommy Jaud, Alex Capus und Konsorten. Eine redaktionell bearbeitete und gekürzte Version erschien im Jahr seines Todes, die aktuelle Ausgabe hingegen gilt als Originalfassung. Der italienische Schriftstellerkollege Primo Levi meinte sogar einmal: »Das beste Buch, das je über den deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus geschrieben wurde.« Ins Rollen gekommen ist dieser Fallada-Boom durch eine englische Übersetzung, die unter dem Titel Alone In Berlin in den USA und UK enorme Verkaufszahlen generieren konnte.
Hans Fallada hat ein sehr bewegtes und bewegendes Leben geführt: Duellant, Mörder, Morphinist, Alkoholiker, Betrüger, Erfolgsschriftsteller, Familienvater, Kinderbuchautor, Trinker, Bürgermeister, Junkie. Das muss man erst auf sich wirken lassen, bevor man weiter liest.
Hans Fallada kommt als Sohn eines gestrengen Landgerichtsrat in Greifswald zur Welt. Der sein Leben lang depressive Fallada, der eigentlich Rudolf Ditzen heißt, beschließt ausgerechnet in Rudolstadt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Mit seinem Schulfreund von Necker vereinbart er ein fingiertes Duell, bei dem sie sich gegenseitig erschießen wollen. Von Neckers Kugel geht vorbei, der kurzsichtige Rudolf jedoch trifft ihn tödlich; der anschließende Selbstmordversuch misslingt. Nur seinem Richtervater ist es zu verdanken, dass dem jungen Rudolf eine Verurteilung wegen Mordes erspart bleibt.
Fallada arbeitet auf verschiedenen landwirtschaftlichen Gütern in Heidebrek in Hinterpommern, in Gudderitz auf Rügen und als Assistent der Landwirtschaftskammer in Stettin. Nebenher veröffentlicht er seine ersten Romane Der junge Goedeschal (1918) und Anton und Gerda (1923). Da er bereits Morphium spritzt, unterschlägt er zweimal Geld, weshalb er 1924 in Greifswald und 1925 bis 1928 in Neumünster einsitzt. Nach seiner Entlassung lernt er Anna Margarethe Issel kennen, die er 1929 heiratet. Nachdem er 1930 als Angestellter im Rowohlt Verlag anfängt, entwickeln sich seine realitätsnahen Romane Bauern, Bonzen und Bomben sowie Kleiner Mann – wat nu? zu Publikumserfolgen. Mit den Tantiemen macht er sich als Schriftsteller selbstständig. Er kauft ein Anwesen in Carwitz bei Feldberg in Mecklenburg, wo er im Schreibrausch die Romane Wer einmal aus dem Blechnapf frisst und Der eiserne Gustav runterrattert.
Im Sommer 1944 lernt er dann Ursula „Uschi“ Losch kennen, die seine Alkohol- und Morphinsucht teilt; die beiden heiraten 1945. Bei Geldmangel prostituiert sich die schöne Uschi. Wenige Monate nach der Scheidung richtet Fallada im Dschum eine Pistole auf seine Ex-Frau und schießt wieder einmal – vorbei. Er kommt in eine Trinkerheilanstalt und verfertigt das autobiografische Buch Der Trinker.
Nach dem Krieg erinnert sich Johannes R. Becher seines Kollegen und holt diesen nach Berlin, wo sie als Nachbarn zusammen mit den neuen Machthabern im Majakowskiring in Pankow wohnen. Die beiden Leben zeigen einige bemerkenswerte Parallelen. Auch Bechers gestrenger Vater war Richter. Auch Becher wollte 21jährig einen Doppelselbstmord begehen, bei dem er allerdings nur seine Geliebte, die Prostituierte Fanny Fuß, erschoss, es aber nicht schaffte, sich selbst zu töten. Der Richtervater bewahrt seinen Sohn vor einer Verurteilung wegen Mordes. Zwischen 1914 und 1918 wird der expressionistische Dichter mehrmals wegen Morphium-Missbrauch in eine Klinik eingeliefert … Becher erhofft sich von Fallada den großen Nachkriegsroman, auf den alle warten. Und der kommt 1946. Mit Jeder stirbt für sich allein.
Als ich am 3. Juni 2007 mit meiner damaligen Freundin, einer ausgewiesenen Fallada-Spezialistin, in Carwitz das Wohnhaus von Hans Fallada besuchte, welches inzwischen ein beliebtes Museum ist, schrieb auch ich einige Zeilen in das ausliegende Gästebuch. Zwischen den gestelzten Eintragungen pensionierter Lehrer und den knappen Fünf-Wort-Sätzen ausgelassener Schulklassen wollte mir nichts rechtes einfallen. Spontan alberte ich: »Wir wünschen dem Schriftsteller Hans Fallada alles Gute für sein weiteres Schaffen!« Wer hätte gedacht, dass dieser Wunsch solche Auswirkungen auf die Gegenwart haben würde? Ich nicht.
Lesetipp
Prenzlauer Berg Nachrichten: Volksgemeinschaft Prenzlauer Berg
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Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein. Roman. Ungekürzte Neuausgabe mit einem Nachwort von Almut Giesecke. Aufbau Verlag, Berlin: 2011. 704 Seiten, 19,90 Euro.



[...] ~ Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein. Roman. Ungekürzte Neuausgabe mit einem Nachwort von Almut Giesecke. Aufbau Verlag, Berlin: 2011. 704 Seiten, 19,90 Euro. Originalatikel: Freestland-Blog [...]
[...] Ist es eine Schande oder einfach nur peinlich? Der Schriftsteller Hans Fallada ist beerdigt wie ein armer Niemand. Keine Blumen, keine Grabpflege – nüscht. [...]