Die Nachwuchsautorin Judith Schalansky war eindeutig die Vorzeige-Vorpommerin 2011! Sie hat zwar diesmal keine Preise – wie in den Jahren davor – eingeheimst, aber durch den enormen Erfolg ihres Bildungsromans Der Hals der Giraffe, der irgendwo im Vorpommerschen spielt, konnte sie doch zumindest von den Buchpreisen profitieren. Dass es trotz der guten Verkaufszahlen von Der Hals der Karaffe (Verballhornung der F.A.Z.) nicht ganz zu ihrer Zufriedenheit bestellt war, berichtet Judith Schalansky im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels (50/2011). Da der Artikel mit der Überschrift Das Leiden mit dem Leinen nicht im Netz steht, sondern nur auf Papier zu finden ist, will ich hier kurz ein paar Dinge daraus wiedergeben.
Judith Schalansky gestaltet ihre Bücher am liebsten selbst, Inhalt und Form gehen bei ihr Hand in Hand. So wollte sie für ihren Roman einen Einband aus rauem Leinen haben, »schroff, abweisend und karg« wie ihre Hauptfigur Inge Lohmark. Außerdem sollte das Buch haptisch und optisch an Ausgaben der DDR-Zeit erinnern, denn in dieser Epoche war Inge Lohmark emotional irgendwie stehen geblieben. Frau Schalansky schreibt:
»Genau so sahen Bücher früher aus, als sich unter den Schutzumschlägen noch raues Leinen verbarg, mit geprägten Grafiken und Buchstaben.«
Das gewünschte Leinen (Lino Auster) lieferte schließlich eine Bamberger Firma, für den Schutzumschlag hat es bei Suhrkamp dann wohl nicht mehr gereicht … Doch mit der zweiten Auflage ihres zweiten Romans geht für Judith das Dilemma los. Das Auster-Leinen ist alle, ein Ersatz muss her! Doch dieser erfüllt nicht die Ansprüche der Autorin. Mit jeder neuen Auflage wurde das Buch von einem anderen Leinen-Ausstatter eingekleidet und jede neue Auflage kommt somit in einem anderen Farbton daher.
Es will mir nicht in den Kopf, warum die kapitalistischen Grundsätze von Angebot und Nachfrage ausgerechnet dann nicht gelten sollen, wenn ich mal auf sie angewiesen bin. Ich denke an Erpressung: Lino Auster bis zum Ende des Monats – Leinen oder Leben!
Die Nachfrage nach Leinen ist gering, in Deutschland werden gerade mal 30 Hektar des Ausgangsstoffs Flachs angebaut, hat Schalansky recherchiert. Das Gros kommt aus China, Frankreich, Belgien und Russland. Ich erinnere mich an meinen Oktober in der stillgelegten Textilmetropole Guben, als mir ein älterer Mann aus der Lausitz erklärte, wie sie früher Flachs angebaut und nach der mühseligen Ernte die Fasern gebrochen hätten. Aber das sei lang her, die Gerätschaften lägen heute alle im Heimatmuseum. Hmmm, vielleicht gibt es ja bald einen Boom, weil der Leineneinband wieder Mode wird und der Buchmarkt regelmäig danach verlangt. Wer weiß das schon?


Mit der Verpackung des Buchs sticht sie sicherlich hervor. Aber das Bildungsroman hat eher eine abschreckende Wirkung auf mich. Das letzte Buch mit dem Prädikat war bei mir Die Vermessung der Welt, was mir relativ gut gefallen hat, ich habe es allerdings auch ohne große Erwartungen angefangen.