
Entwurfszeichnung von Johannes Hegenbarth für die drei kleinen Helden des »Mosaik« (1955) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig zeigt in einer einzigartigen Sonderschau rund 250 bisher unveröffentlichte Originalzeichnungen, Entwürfe, Vorlagen und Modelle aus dem Archiv, das der Erfinder der Digedags, Johannes Hegenbarth, 2009 der ›Stiftung Haus der Geschichte‹ übergab. Die Ausstellung ist vom 17. Februar bis 13. Mai 2012 in Leipzig zu sehen. Der Eintritt ist frei.
Als ich die Digedags für mich entdeckte, war das Mosaik von Hannes Hegen bereits Geschichte. Kurz nach meiner Geburt ritten die drei Kobolde wie Lucky Luke in den Sonnenuntergang – auf Nimmerwiedersehen. Nach insgesamt 223 Heften, die zwischen 1955 und 1975 erschienen waren, war endgültig Schluss. Bei meinen Großeltern fand ich zwei Mosaiks, die mein Vater in seiner Jugend gelesen hatte, im Fernsehschränkchen. Es waren unzusammenhängende Hefte der futuristischen Weltraumserie (Nr. 26: ›Notlandung auf dem Mars‹) bzw. der Ritter-Runkel-Reihe (Nr. 120: ›In hoffnungsloser Lage‹).
Auf meine begeisterten Nachfragen hin stellte mir mein Vater auch die übrigen Hefte seiner Sammlung zur Verfügung, treuhänderisch, was bedeutete, ich durfte sie lesen und verwahren, aber nicht eintauschen oder gar weggeben. Die vergilbten Hefte waren bereits mit transparentem Klebeband repariert worden und auf mehreren Seiten mit besitzanzeigendem Namensstempel versehen. Diese Tradition habe ich dann fortgeführt. Meine ersten eigenen »Digedags« habe ich bei den halbjährlichen Altstoffsammlungen in der Schule aus einem verschnürten Altpapierbündel gezogen. Es waren Fortsetzungen aus der Amerikareihe. Wie sich herausstellen sollte, hatte meine Mitschülerin Silvia Freitag noch mehr davon Zuhause. Ich bettelte und bettelte. Und hatte bald schon die Sammlung meines Vaters verdoppelt.
Ein Problem war die Kontinuität der Geschichten. Bei den »Digedags« unterscheidet man mehrere Hauptserien, die ein bestimmtes Thema verbindet. Es gibt die Weltraumreihe, die Erfinderreihe (unterhaltsam wie lehrreich), die Runkelreihe, die Amerikareihe und die Orientreihe. Ich hatte nun Hefte aus allen Serien, aber überall klafften riesige Lücken, die meiner Fantasie und Sehnsucht Tür und Tor öffneten. Zusammenfassungen, die manche Hefte einleiteten, sowie der Ausblick aufs nächste Heft waren da wenig hilfreich, lenkten aber die Vorstellungskraft in eine bestimmte Richtung. Ich hatte meine Digedag-Antennen stets ausgefahren und suchte nach fehlenden Ausgaben. Ich schloss Schulklassen übergreifende Freundschaften, nur um Mosaiks lesen zu können oder um zu tauschen. Einem Jungen namens Ives Rokitta verdanke ich dadurch einige rare Heftchen der Weltraum- und Erfinderserie aus den 1960er Jahren.
Einmal verbrachte ich eine ganze Erkältungswoche damit, alle vorhandenen Mosaiks in chronologischer Reihenfolge durchzulesen. Ich glaube, in dieser Woche habe ich mehr über die Welt gelernt, als wenn ich stattdessen zur Schule gegangen wäre. Meine Klassenkameraden Thomas Schenk und Enrico Baum brachten mir die Hausaufgaben ans Krankenlager, ich dozierte im Gegenzug über die Entdeckung der Dampfkraft durch Heron von Alexandria, Denis Papin und James Watt. Hatte ich alles zuvor von Dig, Dag und Digedag gelernt.
Darüber hinaus gab es auch Aussprüche, die ich bei den Digedags gelernt habe und bei passenden oder unpassenden Gelegenheiten wie geflügelte Worte zum Besten geben konnte – die Ritteregeln des Ritters Heino Runkel von Rübenstein. Hier einige besonders schöne Beispiele:
»Ein Ritter, welcher abwärts rodelt, ist selten stille, sondern jodelt.«
»Ein Ritter, der den Weg nicht kennt, kommt niemals in den Orient.«
»Ein Ritter, welcher kämpfen soll, schlägt sich zuvor den Magen voll.«
Und weil es an einer Stelle sogar heißt »Ein Ritter kämpfe nur mit Drachen, das Schreiben sollen andre machen!«, verweise ich hiermit auf einen Artikel eines professionellen Schreibers – Andreas Platthaus, seines Zeichens Comic-Auskenner der F.A.Z.: Die Kobolde und ihr Pionier. Bereits am Wochenende ist in der Berliner Zeitung ein Beitrag von Christian Schlüter erschienen: Das Wunder aus dem Osten.
~
Dig, Dag, Digedag im DDR-Comic »Mosaik« (Link)
Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig: 17.2.–13.5.2012
Öffnungszeiten: Di–Fr, 9–18°° Uhr, Sa-So 10–18°° Uhr, Eintritt frei
[...] einiger Zeit habe ich auf die Digedag-Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig hingewiesen (Link). Inzwischen bin ich im Rahmen der Leipziger Buchmesse selbst dort gewesen und muss sagen: Echt [...]