»Naked people have little or no influence on society.«
(Cocos Mark Twain)
Fragt man heutzutage nach Neuvorpommern, weiß kaum einer Bescheid. Neuvorpommern war der letzte Rest von Schwedisch-Pommern, der mit dem Geschacher des Wiener Kongresses an Preußen abgetreten wurde. Die Insel Rügen gehörte damals dazu und Wolgast, nicht aber Usedom und Anklam, denn die waren Teil von Altvorpommern, also bereits preußisch. Alles klar? Doch wo, bitteschön, liegt Neupommern?
Neupommern ist Handlungsschauplatz des frisch erschienenen Südseeromans IMPERIUM von Christian Kracht. Nun hat man dem schweizerischen Autor in einer Rezension rechtes Gedankengut vorgeworfen – im Roman selbst davon keine Spur! (Obwohl, wenn ich mir das Selbstporträt in der Wikipedia so anschaue, dann könnte ich es beinahe glauben.) Ich vermute ja mal, dieser Vorwurf gehört zum Skandalmarketing, ohne das man kein Buch mehr in die Bestsellerlisten gehievt bekommt – und sei es ausnahmsweise auch mal gut. Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat auch etwas zum Buch gesagt, aber einen Satz über Elfriede Jelinek zu verlieren, ist, als würde man einen Satz über Elfriede Jelinek verlieren.
Durch die Lektüre von IMPERIUM wurde ich überhaupt erst auf die Existenz von Neupommern aufmerksam. Es handelt sich hierbei um eine Insel, die heute den Namen Neubritannien trägt, die Nachbarinsel hörte übrigens einst auf den Namen Neumecklenburg und heißt, einer gewissen Logik folgend, heute Neuirland. Die deutschen Namen sind schnell erklärt. Die Inseln waren von 1899 bis 1914 Teil der Kolonie Deutsch-Neuguinea und gehören heute politisch zu Papua-Neuguinea. So einfach kommt man von Pommern nach Neupommern, von der Ostsee in die Südsee.
Ein paar Worte zum Imperium-Roman, der in etwas zu gestelzter Manier daherkommt (»…einem ausdauernden und stolzen Seevogel gleich, dem das Überfliegen der Zeitzonen unseres Erdballs vollends konsequenzlos erscheint, ja diese weder wahrnimmt noch darüber reflektiert…«). Christian Kracht erzählt die amüsante Geschichte des Aussteigers August Engelhardt (1875-1919), der sich eine Südseeinsel (Kabakon) kaufte, um dort eine Kokosnuss-Plantage anzulegen. Engelhardt, der wirklich existierte, kam aus der Lebensreformbewegung, die einen dritten Weg beschreiten wollte. Neue Formen des Zusammenlebens sollten ausprobiert werden, Vegetarismus, Freikörperkultur (FKK), Naturheilkunde, Gartenstadt, Yoga, Bodenreform, Freigeld. Die Lebensreformer waren sozusagen die Hippies der Jahrhundertwende.
August Engelhardt drängte es nach Kabakon nahe Neupommern, um dort sein Lebensideal auszuleben. Den ganzen Tag lief er »nackend« herum und ernährte sich rein vegetarisch, wobei die Kokosnuss eine zentrale Rolle spielte. Seiner Meinung nach war die Kokosnuss das perfekte Lebensmittel, da sie der Sonne und somit Gott am nächsten sei. Irgendwann muss unser Lebensreformer mal eine Kopfnuss abbekommen haben, denn schon bald ernährte er sich ausschließlich von Kokosmilch und Kokosmark. Durch die einseitige Ernährung hoffte unser Kokovore, in einen gottähnlichen Zustand zu geraten. Mehr will ich nicht sagen, falls jemand vorhat, das Buch zu lesen.
Müsste ich IMPERIUM auf einer Skala von 1 bis 5 beurteilen, wobei die 1 ein denkbar schlechtes Buch wie FURCHTGEBETE von Charlotte Roche wäre und 5 ein Knaller wie CLOCKWORK ORANGE von Anthony Burgess, dann würde ich ihm, nun ja 3,5 Sterne geben. Drei Sterne für den Roman an sich und den halben Stern für das Titelbild von Dominik Monheim, das einen sogleich an Tim & Struppi denken und hinfort fantasieren lässt. Überhaupt ist das Buch optisch und haptisch sehr gut gestaltet. Der Karton mit dem Leineneinband liegt sympathisch in der Hand, das Lesebändchen erfreut besonders den Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel, der gern einmal sein Lesezeichen verliert oder verlegt, weiß der Teufel, wie die Dinger immer verschwinden.

