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Mit ‘Walt Disney’ getaggte Artikel

»In a cartoon you can do anything.«
(Big Heel-Watha)

Tex Avery ist für mich das größte Zeichentrick-Genie der Welt, weit vor Walt Disney, Hanna-Barbera und Matt Groening. Der gebürtige Texaner Frederick ›Tex‹ Avery hat nicht einen Oscar erhalten, hätte aber zehn verdient. Kaum jemand kennt seinen Namen, doch seine Charaktere sind moderne Klassiker: Duffy Duck (1937), Bugs Bunny (1940) und Droopy Dog (1942), um nur einige zu nennen. Übrigens, die grauenhafte Tex-Avery-Show hat gar nichts, aber auch rein gar nichts mit dem Mann zu tun. Damit Fred Avery, wie er sich bei seinen ersten Filmen nannte, nicht so schnell vergessen wird, veröffentliche ich hier+heute einen Tex-Text.

Woher ich Tex Avery kenne? Ich sag’s euch: Es war Ende der 1980er Jahre, als auf Nord3(N3) jeden Donnerstag um 21°° Uhr das Pantoffelkino mit einem kurzen Animationsfilm bevorwortet wurde. Die rund sieben Minuten langen Filmchen stammten allesamt aus der Goldenen Ära des Zeichentricks, den 1930er und 1940er Jahren, und kamen aus den Animationsstudios von Warner Brothers oder Metro-Goldwyn-Mayer (MGM). Angesagt wurden die Filmchen von dem ungarisch-deutschen Moderator Dénes Törzs, der auf sympathische Art und onkelhafte Weise immer einige Hintergrund-Infos beisteuerte. Die Regisseure hießen Fritz Freleng, Rudolf Ising oder eben Tex Avery, ihre schlitzohrigen Produzenten waren Leon Schlesinger oder Fred Quimby.

Die Cartoons gehörten zu den Reihen Merry Melodies (WB) oder Happy Harmonies (MGM), die ihrerseits von Walt Disneys Silly Symphonies inspiriert waren. Kurze Zeichentrickfilme mit sprechenden Tierfiguren und mit klassischer Musik oder Jazz unterlegt. Beinahe jedes Studio in Hollywood leistete sich ein eigenes Animationsstudio, denn damals liefen die Zeichentrickfilme als Vorfilme im Kino. Man kann diesen Gag ziemlich oft bei Tex Avery sehen: Schwarze Schatten von verspäteten Kinobesuchern huschen über die Leinwand und werden von den Trickfiguren in die Handlung einbezogen, was manchmal auch den Tod bedeuten konnte. So schießt in einem Western ein Outlaw auf eine Person im Publikum.

Avery good joke – it Disney matter

Und das war das Besondere an Tex Averys Arbeiten, die ironische Brechung. Hey, man, isn’t it silly? Avery war sich als erster Animator der unerschöpflichen Möglichkeiten des neuen Mediums vollauf bewusst. Während seine Kollegen von Disney, Warner und MGM auf niedlich und sentimental machten, beschleunigte Avery die Handlung bis zum Anschlag und setzte die Gesetze der Physik und der Logik außer Kraft. Wenn es einen klassischen Avery-Gag gibt, dann das zeitweilige in-der-Luft-hängen an einem Abgrund, Wolkenkratzer, Flugzeug, etc. Gravitation – wozu? Ursache und Wirkung – wozu? Kontinuität und Identität – wozu? In seinem Streifen Big Heel-Watha von 1944 tut ein heranpirschender Indianer Averys Motto kund: »In a cartoon you can do anything. In einem Cartoon kannst du alles machen.«

Und so kommt es dann auch. Bei Tex Avery kann ein Zicklein die Leinwand mit der eigenen Handlung anfressen (Billy Boy, 1954). Ein Operntenor greift mitten in der Aufführung nach einem zappelnden Fussel, wie er bei alten Filmen öfter über den Bildrand huscht (Magical Maestro, 1952). Der namenlose Wolf rutscht bei der Verfolgungsjagd aus der Kurve und über die Filmspur hinaus (Dumb-Hounded, 1943; Northwest Hounded Police, 1946). Ein Eichhörnchen zerteilt sich an einer Weggabelung in viele kleine Eichhörnchen.

Die Besetzung bei Avery unterteilt sich beinahe immer in Protagonist (»You know what? I’m the hero of this picture.«) und Antagonist. Das Erzählschema orientiert sich dabei am Hase-und-Igel-Prinzip. Was auch immer die eine Seite anstellt, der Andere ist bereits da – und oft sogar einen Schritt voraus. So wird das Gagfeuerwerk abgebrannt.

Eine Besonderheit sind Tex Averys moderne Adaptionen der Grimmschen Märchen. Von Rotkäppchen gibt es gleich drei Versionen: Little Red Walking Hood (1937), Red Hot Riding Hood (1943) und Little Rural Riding Hood (1949). Immer ist es ein lüsterner Wolf, der dem blutjungen Rotkäppchen nachsteigt. Ein echter Klassiker ist die Variante namens Red Hot Riding Hood. Die Geschichte beginnt märchenhaft, als würde Walt Disney sie erzählen. Doch dann weigert sich der namenlose Wolf, weiterhin die böse Rolle zu spielen. Immer diese alten Geschichten! Die will doch niemand mehr hören! Da plötzlich verwandelt sich die Szenerie vom Wald in eine Großstadt, der Wolf ist ein Dandy, Rotkäppchen eine sexy Jazzsängerin und aus der Großmutter wird eine mannstolle Schachtel. Weil diese erotisch aufgeladene Adaption so gut ankam, wiederholte Avery das Konzept mit Aschenputtel in Swing Shift Cinderella (1945). Der Vorgänger Cinderella Meets Fella (1938) war da noch harmloser Klamauk ohne Erotik.

Für Warner Brothers erfand Avery die lispelnde Ente Duffy Duck und den relaxten Hasen Bugs Bunny. Nach seinem Wechsel zu MGM entwickelte Tex Avery zwei neue Charaktere: Screwball Squirrel und Droopy Dog. Screwy ist ein hyperaktives, durchgeknalltes Eichhörnchen, Droopy dagegen ein phlegmatischer Hund mit schneller Auffassungsgabe. Der hektische Screwy sollte nur fünf Episoden (üb)erleben, der tranfunzelige Droopy schaffte es auf über 25 Episoden.

Bei Screwy Squirrels erstem Auftritt veralbert Tex Avery den süßlichen Stil seines Konkurrenten Walt Disney. Offensichtlich wird hier Bambi, die erfolgreiche Disney-Produktion von 1942, parodiert. Kitschig-niedlich geht es los, doch das vorgestellte Backenhörnchen wird von dem Eichhörnchen Screwy ausgehorcht und buchstäblich um die Ecke gebracht. Diese lahme Geschichte würde niemanden interessieren! Dann beginnt die übliche Hatz mit Wortspielen, absurden Gags und Comic-Gewalt, was bedeutet, das keine bleibenden Schäden entstehen.

Alle fünf Cartoons mit Screwy Squirrel
Screwball Squirrel (1944)
Happy-Go-Nutty (1944)
Big Heel-Watha (1944)
The Screwy Truant (1945)
Lonesome Lenny (1946)

(Youtube-Playlist with a sad ending, isn’t it?)

Tex Avery hat fast für alle Hollywood-Studios gearbeitet: Warner Brothers, Paramount, MGM und Walter Lantz at Universal Studios. Avery hat frisches Blut in die Animationskunst gepumpt und den Herzschlag des Zeichentrickfilms dramatisch erhöht. Ohne ihn gäbe es weder die beschleunigten Verfolgungsjagden bei Tom & Jerry (wofür Hanna-Barbera mehrmals Oscars abgesahnt haben!) noch die Gagdichte bei Road Runner & Wile E. Coyote oder Heckle & Jeckle. In der (fragwürdigen) Liste The 50 Greatest Cartoons werden fünf Filme von Tex Avery gelistet, aber nur zwei von Walt Disney – was einiges aussagt. Sein Eleve Chuck Jones führt sogar die Liste an, sowohl im Rang als auch in der Häufigkeit der Nennung. Ich könnte noch ellenlang weiterpalavern und Tex Avery loben, aber lassen wir es dabei bewenden. Dem Himmel sei Dank, dass es Youtube gibt, denn dort wird man mehr als reichlich fündig an klassischen Cartoons. That’s all folks!

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