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»In a cartoon you can do anything.«
(Big Heel-Watha)

Tex Avery ist für mich das größte Zeichentrick-Genie der Welt, weit vor Walt Disney, Hanna-Barbera und Matt Groening. Der gebürtige Texaner Frederick ›Tex‹ Avery hat nicht einen Oscar erhalten, hätte aber zehn verdient. Kaum jemand kennt seinen Namen, doch seine Charaktere sind moderne Klassiker: Duffy Duck (1937), Bugs Bunny (1940) und Droopy Dog (1942), um nur einige zu nennen. Übrigens, die grauenhafte Tex-Avery-Show hat gar nichts, aber auch rein gar nichts mit dem Mann zu tun. Damit Fred Avery, wie er sich bei seinen ersten Filmen nannte, nicht so schnell vergessen wird, veröffentliche ich hier+heute einen Tex-Text.

Woher ich Tex Avery kenne? Ich sag’s euch: Es war Ende der 1980er Jahre, als auf Nord3(N3) jeden Donnerstag um 21°° Uhr das Pantoffelkino mit einem kurzen Animationsfilm bevorwortet wurde. Die rund sieben Minuten langen Filmchen stammten allesamt aus der Goldenen Ära des Zeichentricks, den 1930er und 1940er Jahren, und kamen aus den Animationsstudios von Warner Brothers oder Metro-Goldwyn-Mayer (MGM). Angesagt wurden die Filmchen von dem ungarisch-deutschen Moderator Dénes Törzs, der auf sympathische Art und onkelhafte Weise immer einige Hintergrund-Infos beisteuerte. Die Regisseure hießen Fritz Freleng, Rudolf Ising oder eben Tex Avery, ihre schlitzohrigen Produzenten waren Leon Schlesinger oder Fred Quimby.

Die Cartoons gehörten zu den Reihen Merry Melodies (WB) oder Happy Harmonies (MGM), die ihrerseits von Walt Disneys Silly Symphonies inspiriert waren. Kurze Zeichentrickfilme mit sprechenden Tierfiguren und mit klassischer Musik oder Jazz unterlegt. Beinahe jedes Studio in Hollywood leistete sich ein eigenes Animationsstudio, denn damals liefen die Zeichentrickfilme als Vorfilme im Kino. Man kann diesen Gag ziemlich oft bei Tex Avery sehen: Schwarze Schatten von verspäteten Kinobesuchern huschen über die Leinwand und werden von den Trickfiguren in die Handlung einbezogen, was manchmal auch den Tod bedeuten konnte. So schießt in einem Western ein Outlaw auf eine Person im Publikum.

Avery good joke – it Disney matter

Und das war das Besondere an Tex Averys Arbeiten, die ironische Brechung. Hey, man, isn’t it silly? Avery war sich als erster Animator der unerschöpflichen Möglichkeiten des neuen Mediums vollauf bewusst. Während seine Kollegen von Disney, Warner und MGM auf niedlich und sentimental machten, beschleunigte Avery die Handlung bis zum Anschlag und setzte die Gesetze der Physik und der Logik außer Kraft. Wenn es einen klassischen Avery-Gag gibt, dann das zeitweilige in-der-Luft-hängen an einem Abgrund, Wolkenkratzer, Flugzeug, etc. Gravitation – wozu? Ursache und Wirkung – wozu? Kontinuität und Identität – wozu? In seinem Streifen Big Heel-Watha von 1944 tut ein heranpirschender Indianer Averys Motto kund: »In a cartoon you can do anything. In einem Cartoon kannst du alles machen.«

Und so kommt es dann auch. Bei Tex Avery kann ein Zicklein die Leinwand mit der eigenen Handlung anfressen (Billy Boy, 1954). Ein Operntenor greift mitten in der Aufführung nach einem zappelnden Fussel, wie er bei alten Filmen öfter über den Bildrand huscht (Magical Maestro, 1952). Der namenlose Wolf rutscht bei der Verfolgungsjagd aus der Kurve und über die Filmspur hinaus (Dumb-Hounded, 1943; Northwest Hounded Police, 1946). Ein Eichhörnchen zerteilt sich an einer Weggabelung in viele kleine Eichhörnchen.

Die Besetzung bei Avery unterteilt sich beinahe immer in Protagonist (»You know what? I’m the hero of this picture.«) und Antagonist. Das Erzählschema orientiert sich dabei am Hase-und-Igel-Prinzip. Was auch immer die eine Seite anstellt, der Andere ist bereits da – und oft sogar einen Schritt voraus. So wird das Gagfeuerwerk abgebrannt.

Eine Besonderheit sind Tex Averys moderne Adaptionen der Grimmschen Märchen. Von Rotkäppchen gibt es gleich drei Versionen: Little Red Walking Hood (1937), Red Hot Riding Hood (1943) und Little Rural Riding Hood (1949). Immer ist es ein lüsterner Wolf, der dem blutjungen Rotkäppchen nachsteigt. Ein echter Klassiker ist die Variante namens Red Hot Riding Hood. Die Geschichte beginnt märchenhaft, als würde Walt Disney sie erzählen. Doch dann weigert sich der namenlose Wolf, weiterhin die böse Rolle zu spielen. Immer diese alten Geschichten! Die will doch niemand mehr hören! Da plötzlich verwandelt sich die Szenerie vom Wald in eine Großstadt, der Wolf ist ein Dandy, Rotkäppchen eine sexy Jazzsängerin und aus der Großmutter wird eine mannstolle Schachtel. Weil diese erotisch aufgeladene Adaption so gut ankam, wiederholte Avery das Konzept mit Aschenputtel in Swing Shift Cinderella (1945). Der Vorgänger Cinderella Meets Fella (1938) war da noch harmloser Klamauk ohne Erotik.

Für Warner Brothers erfand Avery die lispelnde Ente Duffy Duck und den relaxten Hasen Bugs Bunny. Nach seinem Wechsel zu MGM entwickelte Tex Avery zwei neue Charaktere: Screwball Squirrel und Droopy Dog. Screwy ist ein hyperaktives, durchgeknalltes Eichhörnchen, Droopy dagegen ein phlegmatischer Hund mit schneller Auffassungsgabe. Der hektische Screwy sollte nur fünf Episoden (üb)erleben, der tranfunzelige Droopy schaffte es auf über 25 Episoden.

Bei Screwy Squirrels erstem Auftritt veralbert Tex Avery den süßlichen Stil seines Konkurrenten Walt Disney. Offensichtlich wird hier Bambi, die erfolgreiche Disney-Produktion von 1942, parodiert. Kitschig-niedlich geht es los, doch das vorgestellte Backenhörnchen wird von dem Eichhörnchen Screwy ausgehorcht und buchstäblich um die Ecke gebracht. Diese lahme Geschichte würde niemanden interessieren! Dann beginnt die übliche Hatz mit Wortspielen, absurden Gags und Comic-Gewalt, was bedeutet, das keine bleibenden Schäden entstehen.

Alle fünf Cartoons mit Screwy Squirrel
Screwball Squirrel (1944)
Happy-Go-Nutty (1944)
Big Heel-Watha (1944)
The Screwy Truant (1945)
Lonesome Lenny (1946)

(Youtube-Playlist with a sad ending, isn’t it?)

Tex Avery hat fast für alle Hollywood-Studios gearbeitet: Warner Brothers, Paramount, MGM und Walter Lantz at Universal Studios. Avery hat frisches Blut in die Animationskunst gepumpt und den Herzschlag des Zeichentrickfilms dramatisch erhöht. Ohne ihn gäbe es weder die beschleunigten Verfolgungsjagden bei Tom & Jerry (wofür Hanna-Barbera mehrmals Oscars abgesahnt haben!) noch die Gagdichte bei Road Runner & Wile E. Coyote oder Heckle & Jeckle. In der (fragwürdigen) Liste The 50 Greatest Cartoons werden fünf Filme von Tex Avery gelistet, aber nur zwei von Walt Disney – was einiges aussagt. Sein Eleve Chuck Jones führt sogar die Liste an, sowohl im Rang als auch in der Häufigkeit der Nennung. Ich könnte noch ellenlang weiterpalavern und Tex Avery loben, aber lassen wir es dabei bewenden. Dem Himmel sei Dank, dass es Youtube gibt, denn dort wird man mehr als reichlich fündig an klassischen Cartoons. That’s all folks!

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Mosaik von Hannes Hegen, Heft 1

MOSAIK-Heft 1 von Hannes Hegen, © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Vor einiger Zeit habe ich auf die Digedag-Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig hingewiesen (Link). Inzwischen bin ich im Rahmen der Leipziger Buchmesse selbst dort gewesen und muss sagen: Echt schau, die Schau! Es gibt viele Originale zu sehen, sowohl Bleistiftskizzen als auch farbige Druckvorlagen. Die Ausstellung war chronologisch angeordnet und die Räumlichkeiten nach den verschiedenen Serien aufgeteilt, also Römer-Serie, Weltraum- bzw. Neos-Serie, Erfinder-Serie, Ritter Runkel, Amerika … Da ich selbst zeichne, haben mich vor allem die Entwürfe und die Zeichenvorlagen interessiert, denn oftmals studierte das Zeichenkollektiv des Mosaik alte Stadtansichten, Baupläne etc., um besonders authentisch zu wirken.

Und wie schon beim letzten Mal möchte ich auch diesmal einen Artikel von Andreas Platthaus, seines Zeichens Comic-Auskenner der F.A.Z., zur Lektüre empfehlen: Was der Westen vom DDR-Comic Mosaik lernen kann. Platthaus – selbst Wessi – bemängelt darin, dass die Sonderschau nicht auch in Westdeutschland gezeigt wird und die Westdeutschen so mal wieder nichts vom besten deutschen Comic mitbekommen werden. Schade eigentlich! Ist es die pure Comic-Feindlichkeit des Klassik-verwöhnten Bildungsbürgertums oder lediglich Desinteresse an ostdeutscher Kultur, die mal nix mit roten Fahnen und Stasi zu tun hat? (Das Zeitgeschichtliche Forum ist übrigens die ostdeutsche Dependance des Bonner Hauses der Geschichte.) Dabei gibt es durchaus deutsch-deutsche Parallelen in der Nachkriegszeit:

Comics wurden in den fünfziger Jahren in beiden deutschen Staaten öffentlich ins Feuer geworfen, als hätte es nicht zwei Jahrzehnte zuvor die Bücherverbrennungen der Nazis gegeben.«

Hier mal ein ›Grundkurs Digedag‹ für alle Wessis: Die Digedags sind die Beatles der deutschen Comic-Literatur. In ihrer kurzen Lebensphase haben sie alle Facetten des Genres ausgelotet und dabei selbst eine Transformation durchgemacht. Aus dem Orient sind sie 1955 gekommen (Heft 1), im märchenhaften Orient sind sie 1975 wieder verschwunden (Heft 223). Die Sprechblasen wurden von Bildunterschriften abgelöst, um am Ende wieder bei den verpönten Sprechblasen zu enden. Trotz aller politischen Einflussnahme waren die Hefte mit den Digedags sehr liberal. Im kurzen Berlin-Kapitel kommen sogar das längst gesprengte Berliner Stadtschloss (Heft 82) sowie das Brandenburger Tor (Heft 84) drin vor. Und in Heft 114 singt der Chor der Schmeichler: »Du göttlicher Mann, du all unser Glück, geh du stets voran und tritt nie zurück.« (Danke, Matthias Friske, für dieses Zitat!) Die Auflage des MOSAIK von Hannes Hegen war mit 600.000 um einiges höher als die von Rolf Kaukas Fix & Foxi. Sagenhaft, der Osten toppt den Westen! Was man sonst noch wissen sollte:

Bildroman
Auch wenn eigentlich alle Mosaiks als Fortsetzungen angelegt waren, laut eines Schreibens von Hannes Hegen aus dem Jahr 1964 sollte mit der Serie um Ritter Runkel definitiv ein »Bildroman« entstehen. War das Mosaik womöglich die erste deutschsprachige Graphic Novel? Wer weiß. Auch die anschließende Amerika-Serie und die verkürzte Orient-Reihe waren als eigenständige Bildromane angedacht gewesen.

Cameo-Auftritte
Weit vor den Simpsons hatten bei den Digedags berühmte Persönlichkeiten ihren Cameo-Auftritt. Statt um Popstars handelte es sich in den Mosaiks eher um Erfinder wie Denis Papin, Thomas Newcomen, James Watt oder Werner Siemens. In der Neos-Reihe tritt sogar eine Karikatur von Harry Bellafonte auf: als Testpilot Tonio Turbo.

Der unsichtbare Dritte
Asterix und Obelix werden später durch den Hund Idefix komplettiert, bei Lucky Luke und Jolly Jomper stößt irgendwann der dämliche Köter Rantanplan hinzu. Bei den Digedags verhält es sich völlig anders. Bei ihnen ist der Dritte im Bunde über 125 Hefte lang spurlos verschwunden, bevor er wieder dazukommt. Digedag verlässt in Heft 21 seine Gefährten Dig und Dag und wird erst wieder in Heft 140 mit ihnen vereint. Kurz davor ist er über 40 Hefte lang in parallelen Geschichten und alten Chroniken präsent, was den Heften dieser Phase die besondere Note des ›stets anwesenden Abwesenden‹ verleiht.

Dialekte
In diversen Digedags-Heften wurde hin und wieder Dialekt gesprochen. Der Bergsteiger Sepp Kraxler spricht in Heft 52 bayrisch, der Major von Treskow berlinert sich durch die Hefte 83 bis 88.

Römerzeit
Noch bevor Asterix und Obelix überhaupt geboren waren, erlebten bereits die Digedags ihre ersten Abenteuer in der Römerzeit und verulkten beispielsweise einen römischen Kaiser namens Cäsar Celsius.

Saurier
Während einer Weltraummission landen die Digedags nacheinander auf Planeten, die als solche die Evolution abbilden. Im Heft 62 aus dem Jahr 1962 erleben Dig und Dag gefährliche Abenteuer im Saurierland – lange vor Steven Spielbergs Jurassic Park.

Steinzeit
Noch bevor die Zeichentrickserie Familie Feuerstein ab 1966 das westdeutsche Fernsehen eroberte, alberten sich die Digedags bereits durch die Steinzeit. Im November 1962 (Die verschlüsselte Botschaft) und im Dezember 1962 (In grauer Vorzeit) bringen sie mit ihren urigen Erfindungen das Leben der Affenmenschen gehörig durcheinander.

Versdichtung
Hin und wieder wurde in den Mosaiks gereimt. Entweder sangen die Digedags selbst gedichtete Lieder oder es gab wie bei Wilhelm Busch gereimte Bildüber- oder -unterschriften.

Weltraum
Auch die Weltraum-Abenteuer der Digedags sind beste Science Fiction! Bereits im ersten Heft der Serie (Heft 25) werden Kontraste gesetzt. Dig und Dag werden aus der Römerzeit in den Weltraum katapultiert. Schuld an diesem Anachronismus, der an den erzählerischen Bruch in Monty Python’s Das Leben des Brian denken lässt, waren politische Vorgaben der SED-Diktatur. Danach landen die Digedags auf dem Mars (Heft 26), besuchen einen durch einen Atomkrieg verwüsteten Planeten (Heft 27 – oh, diese Farben!) und fliegen mit Raumtaxis Verfolgungsjagden á la Star Wars (Heft 28).

Wimmelbilder
Typisch für die Hefte mit den Digedags sind die Wimmelbilder, auf denen zahllose Menschen durcheinander wuseln und sich selbst im Wege stehen. Auf einer großen Seite sind somit zahlreiche kleine Geschichten angeordnet, die das Auge einige Zeit beschäftigen können. Unter eines dieser Wimmelbilder setzte Lothar Dräger folgende Verse, eine Hommage an die deutschen Vorläufer der Comics (neben Wilhelm Busch):

Ja, das Leben schlägt hier Wogen, / was sich täglich neu beweist, / bunter als die Bilderbogen, / die, aus Neuruppin bezogen, / hier ein Händler lauthals preist.« (Heft 84)

Zum Abschluss möchte ich noch auf ein schickes Buch aus dem Lukas Verlag hinweisen, das ich mir in Leipzig geleistet habe, denn es gehört zum Thema: Matthias Friske, Die Geschichte des MOSAIK von Hannes Hegen – Eine Comic-Legende in der DDR. Diesem Buch verdanke ich beispielsweise die Erkenntnis, dass in den Erzgebirgsabenteuern (Heft 49) der schöne Annaberger Bergaltar als Zeichenvorlage verwendet wurde. Tolle Sache, das!

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Dig, Dag, Digedag im DDR-Comic »Mosaik« (Link)
Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig: 17.2.–13.5.2012
Öffnungszeiten: Di–Fr 9–18°° Uhr, Sa-So 10–18°° Uhr
Eintritt frei!!!

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Dig Dag Digedag von Hannes Hegen

Entwurfszeichnung von Johannes Hegenbarth für die drei kleinen Helden des »Mosaik« (1955) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig zeigt in einer einzigartigen Sonderschau rund 250 bisher unveröffentlichte Originalzeichnungen, Entwürfe, Vorlagen und Modelle aus dem Archiv, das der Erfinder der Digedags, Johannes Hegenbarth, 2009 der ›Stiftung Haus der Geschichte‹ übergab. Die Ausstellung ist vom 17. Februar bis 13. Mai 2012 in Leipzig zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Als ich die Digedags für mich entdeckte, war das Mosaik von Hannes Hegen bereits Geschichte. Kurz nach meiner Geburt ritten die drei Kobolde wie Lucky Luke in den Sonnenuntergang – auf Nimmerwiedersehen. Nach insgesamt 223 Heften, die zwischen 1955 und 1975 erschienen waren, war endgültig Schluss. Bei meinen Großeltern fand ich zwei Mosaiks, die mein Vater in seiner Jugend gelesen hatte, im Fernsehschränkchen. Es waren unzusammenhängende Hefte der futuristischen Weltraumserie (Nr. 26: ›Notlandung auf dem Mars‹) bzw. der Ritter-Runkel-Reihe (Nr. 120: ›In hoffnungsloser Lage‹).

Auf meine begeisterten Nachfragen hin stellte mir mein Vater auch die übrigen Hefte seiner Sammlung zur Verfügung, treuhänderisch, was bedeutete, ich durfte sie lesen und verwahren, aber nicht eintauschen oder gar weggeben. Die vergilbten Hefte waren bereits mit transparentem Klebeband repariert worden und auf mehreren Seiten mit besitzanzeigendem Namensstempel versehen. Diese Tradition habe ich dann fortgeführt. Meine ersten eigenen »Digedags« habe ich bei den halbjährlichen Altstoffsammlungen in der Schule aus einem verschnürten Altpapierbündel gezogen. Es waren Fortsetzungen aus der Amerikareihe. Wie sich herausstellen sollte, hatte meine Mitschülerin Silvia Freitag noch mehr davon Zuhause. Ich bettelte und bettelte. Und hatte bald schon die Sammlung meines Vaters verdoppelt.

Ein Problem war die Kontinuität der Geschichten. Bei den »Digedags« unterscheidet man mehrere Hauptserien, die ein bestimmtes Thema verbindet. Es gibt die Weltraumreihe, die Erfinderreihe (unterhaltsam wie lehrreich), die Runkelreihe, die Amerikareihe und die Orientreihe. Ich hatte nun Hefte aus allen Serien, aber überall klafften riesige Lücken, die meiner Fantasie und Sehnsucht Tür und Tor öffneten. Zusammenfassungen, die manche Hefte einleiteten, sowie der Ausblick aufs nächste Heft waren da wenig hilfreich, lenkten aber die Vorstellungskraft in eine bestimmte Richtung. Ich hatte meine Digedag-Antennen stets ausgefahren und suchte nach fehlenden Ausgaben. Ich schloss Schulklassen übergreifende Freundschaften, nur um Mosaiks lesen zu können oder um zu tauschen. Einem Jungen namens Ives Rokitta verdanke ich dadurch einige rare Heftchen der Weltraum- und Erfinderserie aus den 1960er Jahren.

Einmal verbrachte ich eine ganze Erkältungswoche damit, alle vorhandenen Mosaiks in chronologischer Reihenfolge durchzulesen. Ich glaube, in dieser Woche habe ich mehr über die Welt gelernt, als wenn ich stattdessen zur Schule gegangen wäre. Meine Klassenkameraden Thomas Schenk und Enrico Baum brachten mir die Hausaufgaben ans Krankenlager, ich dozierte im Gegenzug über die Entdeckung der Dampfkraft durch Heron von Alexandria, Denis Papin und James Watt. Hatte ich alles zuvor von Dig, Dag und Digedag gelernt.

Darüber hinaus gab es auch Aussprüche, die ich bei den Digedags gelernt habe und bei passenden oder unpassenden Gelegenheiten wie geflügelte Worte zum Besten geben konnte – die Ritteregeln des Ritters Heino Runkel von Rübenstein. Hier einige besonders schöne Beispiele:

»Ein Ritter, welcher abwärts rodelt, ist selten stille, sondern jodelt.«
»Ein Ritter, der den Weg nicht kennt, kommt niemals in den Orient.«
»Ein Ritter, welcher kämpfen soll, schlägt sich zuvor den Magen voll.«

Und weil es an einer Stelle sogar heißt »Ein Ritter kämpfe nur mit Drachen, das Schreiben sollen andre machen!«, verweise ich hiermit auf einen Artikel eines professionellen Schreibers – Andreas Platthaus, seines Zeichens Comic-Auskenner der F.A.Z.: Die Kobolde und ihr Pionier. Bereits am Wochenende ist in der Berliner Zeitung ein Beitrag von Christian Schlüter erschienen: Das Wunder aus dem Osten.

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Dig, Dag, Digedag im DDR-Comic »Mosaik« (Link)
Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig: 17.2.–13.5.2012
Öffnungszeiten: Di–Fr, 9–18°° Uhr, Sa-So 10–18°° Uhr, Eintritt frei

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Klaus Stuttmann, Deutschlands produktivster politischer Karikaturist, legt sein neues Jahrbuch vor. Nach Klare Ansage! (2009) und Land unter! (2010) kommt nun die Schöne Pleite! (2011). Darin versammelt sind die besten Zeichnungen aus dem zurückliegenden Jahr – aufgrund des frühen Redaktionsschlusses reicht das Jahr von Dezember 2010 bis November 2011. Klaus Stuttmann zeichnet fast für die gesamte deutsche Tagespresse. Sowohl die Ostsee-Zeitung als auch der Nordkurier sind unter den dankbaren Abnehmern. Im Berliner Tagesspiegel hat Stuttmann sogar eine täglich gezeichnete Kolumne. Man fragt sich, wie dem Mann angesichts der Dramen in der Welt jeden Tag etwas Aktuelles zur Karikatur gerinnen kann, was noch dazu lustig ist? F.W. Bernstein hegte in seinem Vorwort ja den leisen Verdacht, dass die Politiker in Berlin und Brüssel von Stuttmann gecastet wurden und sich nun getreu seinen Regie-Anweisungen verhalten …

Auf jeden Fall beäugt Karl, äh Klaus Stuttmann die Gesellschaft so kritisch wie seinerzeit Karl Marx und schwingt den Zeichenstift so gekonnt wie seinerzeit Carl Barks. Darum sind meine Favoriten aus diesem Jahr besonders die Karikaturen, in denen Politiker als Bewohner von Entenhausen parodiert wurden. Nach dem Motto der Donaldisten: Entenhausen ist überall! Alle vorgestellten Parodien sind im Buch enthalten:

Donald als deutscher Außenminister. Natürlich geht es gar nicht um Donald. Gemeint ist – na, wer wohl? – genau, unser Schnatterinchen Guido Westerwelle.

Ilse Aigner und die Panzerknacker. Die bis auf die Gefängnisnummern nahezu identischen Berufsverbrecher sind in Wirklichkeit die Futtermittelhersteller, die immer mal wieder billige aber dioxinhaltige Substanzen unters Futter mischen. Übrigens feiern die unrasierten Beagle mit den roten Rollkragenpullovern und dem aufgebügelten Nummernschild derzeit ihren 60. Geburtstag: Alles Gute, Panzerknacker!

Obama, Merkel und Sarkozy in Chinas Geldspeicher. Während die westliche Welt über ihre Verhältnisse gelebt hat und immer noch lebt, schwimmen Maos Erben wie Onkel Dagobert im Geld. Ganz schön maotisch!

Assad und die Saudis im Blutbad. Diese Karikatur hat rein gar nix mit Disneys Entenhausen zu tun. Mir gefällt sie so gut, weil sie grafisch sehr gekonnt zeigt, was im Nahen Osten für brutale Despoten herrschen. Neben dem schwarzen Zeichenstift – Stuttmann zeichnet am Rechner – wird Rot als alleinige Farbe eingesetzt: als Warnsignal für das viele Blut, das in Nahost täglich im Kampf für mehr Rechte fließt. Allein das Erdöl hält diese mittelalterlichen Gesellschaften am Leben.

Doch nicht alles ist gleich so düster und dramatisch. He, dafür haben wir doch die Karikatur! Angesichts dessen urteilt F.W. Bernstein in seinem Vorwort treffend: »Stuttmann macht aus den Katastrophen des Jahres ein grafisches Fest.« Wahrlich, schöner kann Pleite nicht sein! Hier habt ihr die Bescherung: Klaus Stuttmann: Schöne Pleite. Politische Karikaturen 2011, Schaltzeit Verlag, ca. 222 Karikaturen für 19,90 Euro.

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„Beim Erntedankfest siegt das Gute, drum Friede, Freude, dicke Pute.“

Dieser Zeichentrickklassiker mit Tom & Jerry gewann 1949 einen Oscar in der Kategorie „Bester animierter Kurzfilm“. Damals wurden die Trickfilme aus den Reihen Silly Symphonies (Walt Disney), Happy Harmonies (Metro-Goldwyn-Mayer), Merry Melodies und Looney Tunes (Warner Brothers) noch in den Kinos und als Vorfilme zu den eigentlichen Kassenschlagern gezeigt. Dafür gibt es heute eine viertel Stunde lang Reklame. Was wohl schöner wäre: Werbung oder Animation?

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Jeder vernünftige Mensch ist gegen Nazis. Das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand. Aber auch völlig verrückte Comicfiguren wehren sich gegen Reich und Führer. Niemand mag die braune Brut. Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs liefen in US-amerikanischen Kinos eine ganze Reihe von Zeichentrickfilmen gegen die Kriegstreiber aus Deutschland. In dem Streifen „Donald Duck in Nuziland / Der Fuehrer’s Face“ (1942) gerät unser langzeitarbeitsloser Choleriker Donald in einen fürchterlichen Albtraum mit lauter Darstellern aus den faschistsichen Achsenmächten Deutschland, Italien und Japan. Dabei wird permanent die preußische Zackigkeit und der militärische Drill auf die Schippe genommen. Wie in Charlie Chaplins Filmparodie „The Great Dictator – Der große Diktator“ (1940) sprechen die Nazis ein germanisches Kauderwelsch, genau so, wie es von Ausländern akustisch wahrgenommen wird. Schweinhund! Mach schnell! Verdammter Esel! Dafür bekam Walter Disney 1943 den Oscar in der Kategorie Bester animierter Kurzfilm.

Ich hätte den Academy Award allerdings viel lieber an den äußerst genialen Animationsfilmer Tex Avery vergeben für seinen Anti-Nazi-Cartoon „Blitz Wolf“ aus dem selben Jahr. Darin wird das Märchen von den drei kleinen Schweinchen neu erzählt. Diesmal müssen sich die drei kleinen Schweinchen gegen Adolf „The Wolf“ Hitler zur Wehr setzen – was natürlich gelingt. So weit ich weiß, war dies der erste Film von Tex Avery für seinen neuen Arbeitgeber Metro-Goldwyn-Mayer (MGM). Davor war er für die Warner Brothers (WB) tätig, wo er Trickfiguren wie Daffy Duck, Droopy und Bugs Bunny entwickelt hatte. Leider bekam Tex Avery nie einen Oscar für seine Filme, obwohl er ihn am ehesten verdient hätte. Es ist halt wie mit dem Nobelpreis.

Apropos Bugs Bunny. Auch der freche Hase ist natürlich gegen Nazis. In dem Kurzfilm „Herr Meets Hare“ (= Herr trifft auf Hasen) vom Januar 1945 veralbert Bugs Bunny zuerst den auf der Jagd befindlichen Reichsjägermeister Hermann Göhring und dann den Führer himself. Man achte Mal auf die Worte, die da aus deutschem Munde tönen: Schmierkäs! Sauerkrautn! Rabbitsa! Bugsenheimer Bunny! Schicklgruber! Völlig verrückt.

Die Liste ließe sich weiter fortsetzen, denn auch Popeye und andere waren im antifaschistischen Widerstand. Aber ich denke, es reicht erst einmal. Ja, ihr Leut, mit dem Trick ist Schluss für heut.

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