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Mosaik von Hannes Hegen, Heft 1

MOSAIK-Heft 1 von Hannes Hegen, © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Vor einiger Zeit habe ich auf die Digedag-Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig hingewiesen (Link). Inzwischen bin ich im Rahmen der Leipziger Buchmesse selbst dort gewesen und muss sagen: Echt schau, die Schau! Es gibt viele Originale zu sehen, sowohl Bleistiftskizzen als auch farbige Druckvorlagen. Die Ausstellung war chronologisch angeordnet und die Räumlichkeiten nach den verschiedenen Serien aufgeteilt, also Römer-Serie, Weltraum- bzw. Neos-Serie, Erfinder-Serie, Ritter Runkel, Amerika … Da ich selbst zeichne, haben mich vor allem die Entwürfe und die Zeichenvorlagen interessiert, denn oftmals studierte das Zeichenkollektiv des Mosaik alte Stadtansichten, Baupläne etc., um besonders authentisch zu wirken.

Und wie schon beim letzten Mal möchte ich auch diesmal einen Artikel von Andreas Platthaus, seines Zeichens Comic-Auskenner der F.A.Z., zur Lektüre empfehlen: Was der Westen vom DDR-Comic Mosaik lernen kann. Platthaus – selbst Wessi – bemängelt darin, dass die Sonderschau nicht auch in Westdeutschland gezeigt wird und die Westdeutschen so mal wieder nichts vom besten deutschen Comic mitbekommen werden. Schade eigentlich! Ist es die pure Comic-Feindlichkeit des Klassik-verwöhnten Bildungsbürgertums oder lediglich Desinteresse an ostdeutscher Kultur, die mal nix mit roten Fahnen und Stasi zu tun hat? (Das Zeitgeschichtliche Forum ist übrigens die ostdeutsche Dependance des Bonner Hauses der Geschichte.) Dabei gibt es durchaus deutsch-deutsche Parallelen in der Nachkriegszeit:

Comics wurden in den fünfziger Jahren in beiden deutschen Staaten öffentlich ins Feuer geworfen, als hätte es nicht zwei Jahrzehnte zuvor die Bücherverbrennungen der Nazis gegeben.«

Hier mal ein ›Grundkurs Digedag‹ für alle Wessis: Die Digedags sind die Beatles der deutschen Comic-Literatur. In ihrer kurzen Lebensphase haben sie alle Facetten des Genres ausgelotet und dabei selbst eine Transformation durchgemacht. Aus dem Orient sind sie 1955 gekommen (Heft 1), im märchenhaften Orient sind sie 1975 wieder verschwunden (Heft 223). Die Sprechblasen wurden von Bildunterschriften abgelöst, um am Ende wieder bei den verpönten Sprechblasen zu enden. Trotz aller politischen Einflussnahme waren die Hefte mit den Digedags sehr liberal. Im kurzen Berlin-Kapitel kommen sogar das längst gesprengte Berliner Stadtschloss (Heft 82) sowie das Brandenburger Tor (Heft 84) drin vor. Und in Heft 114 singt der Chor der Schmeichler: »Du göttlicher Mann, du all unser Glück, geh du stets voran und tritt nie zurück.« (Danke, Matthias Friske, für dieses Zitat!) Die Auflage des MOSAIK von Hannes Hegen war mit 600.000 um einiges höher als die von Rolf Kaukas Fix & Foxi. Sagenhaft, der Osten toppt den Westen! Was man sonst noch wissen sollte:

Bildroman
Auch wenn eigentlich alle Mosaiks als Fortsetzungen angelegt waren, laut eines Schreibens von Hannes Hegen aus dem Jahr 1964 sollte mit der Serie um Ritter Runkel definitiv ein »Bildroman« entstehen. War das Mosaik womöglich die erste deutschsprachige Graphic Novel? Wer weiß. Auch die anschließende Amerika-Serie und die verkürzte Orient-Reihe waren als eigenständige Bildromane angedacht gewesen.

Cameo-Auftritte
Weit vor den Simpsons hatten bei den Digedags berühmte Persönlichkeiten ihren Cameo-Auftritt. Statt um Popstars handelte es sich in den Mosaiks eher um Erfinder wie Denis Papin, Thomas Newcomen, James Watt oder Werner Siemens. In der Neos-Reihe tritt sogar eine Karikatur von Harry Bellafonte auf: als Testpilot Tonio Turbo.

Der unsichtbare Dritte
Asterix und Obelix werden später durch den Hund Idefix komplettiert, bei Lucky Luke und Jolly Jomper stößt irgendwann der dämliche Köter Rantanplan hinzu. Bei den Digedags verhält es sich völlig anders. Bei ihnen ist der Dritte im Bunde über 125 Hefte lang spurlos verschwunden, bevor er wieder dazukommt. Digedag verlässt in Heft 21 seine Gefährten Dig und Dag und wird erst wieder in Heft 140 mit ihnen vereint. Kurz davor ist er über 40 Hefte lang in parallelen Geschichten und alten Chroniken präsent, was den Heften dieser Phase die besondere Note des ›stets anwesenden Abwesenden‹ verleiht.

Dialekte
In diversen Digedags-Heften wurde hin und wieder Dialekt gesprochen. Der Bergsteiger Sepp Kraxler spricht in Heft 52 bayrisch, der Major von Treskow berlinert sich durch die Hefte 83 bis 88.

Römerzeit
Noch bevor Asterix und Obelix überhaupt geboren waren, erlebten bereits die Digedags ihre ersten Abenteuer in der Römerzeit und verulkten beispielsweise einen römischen Kaiser namens Cäsar Celsius.

Saurier
Während einer Weltraummission landen die Digedags nacheinander auf Planeten, die als solche die Evolution abbilden. Im Heft 62 aus dem Jahr 1962 erleben Dig und Dag gefährliche Abenteuer im Saurierland – lange vor Steven Spielbergs Jurassic Park.

Steinzeit
Noch bevor die Zeichentrickserie Familie Feuerstein ab 1966 das westdeutsche Fernsehen eroberte, alberten sich die Digedags bereits durch die Steinzeit. Im November 1962 (Die verschlüsselte Botschaft) und im Dezember 1962 (In grauer Vorzeit) bringen sie mit ihren urigen Erfindungen das Leben der Affenmenschen gehörig durcheinander.

Versdichtung
Hin und wieder wurde in den Mosaiks gereimt. Entweder sangen die Digedags selbst gedichtete Lieder oder es gab wie bei Wilhelm Busch gereimte Bildüber- oder -unterschriften.

Weltraum
Auch die Weltraum-Abenteuer der Digedags sind beste Science Fiction! Bereits im ersten Heft der Serie (Heft 25) werden Kontraste gesetzt. Dig und Dag werden aus der Römerzeit in den Weltraum katapultiert. Schuld an diesem Anachronismus, der an den erzählerischen Bruch in Monty Python’s Das Leben des Brian denken lässt, waren politische Vorgaben der SED-Diktatur. Danach landen die Digedags auf dem Mars (Heft 26), besuchen einen durch einen Atomkrieg verwüsteten Planeten (Heft 27 – oh, diese Farben!) und fliegen mit Raumtaxis Verfolgungsjagden á la Star Wars (Heft 28).

Wimmelbilder
Typisch für die Hefte mit den Digedags sind die Wimmelbilder, auf denen zahllose Menschen durcheinander wuseln und sich selbst im Wege stehen. Auf einer großen Seite sind somit zahlreiche kleine Geschichten angeordnet, die das Auge einige Zeit beschäftigen können. Unter eines dieser Wimmelbilder setzte Lothar Dräger folgende Verse, eine Hommage an die deutschen Vorläufer der Comics (neben Wilhelm Busch):

Ja, das Leben schlägt hier Wogen, / was sich täglich neu beweist, / bunter als die Bilderbogen, / die, aus Neuruppin bezogen, / hier ein Händler lauthals preist.« (Heft 84)

Zum Abschluss möchte ich noch auf ein schickes Buch aus dem Lukas Verlag hinweisen, das ich mir in Leipzig geleistet habe, denn es gehört zum Thema: Matthias Friske, Die Geschichte des MOSAIK von Hannes Hegen – Eine Comic-Legende in der DDR. Diesem Buch verdanke ich beispielsweise die Erkenntnis, dass in den Erzgebirgsabenteuern (Heft 49) der schöne Annaberger Bergaltar als Zeichenvorlage verwendet wurde. Tolle Sache, das!

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Dig, Dag, Digedag im DDR-Comic »Mosaik« (Link)
Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig: 17.2.–13.5.2012
Öffnungszeiten: Di–Fr 9–18°° Uhr, Sa-So 10–18°° Uhr
Eintritt frei!!!

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Dig Dag Digedag von Hannes Hegen

Entwurfszeichnung von Johannes Hegenbarth für die drei kleinen Helden des »Mosaik« (1955) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig zeigt in einer einzigartigen Sonderschau rund 250 bisher unveröffentlichte Originalzeichnungen, Entwürfe, Vorlagen und Modelle aus dem Archiv, das der Erfinder der Digedags, Johannes Hegenbarth, 2009 der ›Stiftung Haus der Geschichte‹ übergab. Die Ausstellung ist vom 17. Februar bis 13. Mai 2012 in Leipzig zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Als ich die Digedags für mich entdeckte, war das Mosaik von Hannes Hegen bereits Geschichte. Kurz nach meiner Geburt ritten die drei Kobolde wie Lucky Luke in den Sonnenuntergang – auf Nimmerwiedersehen. Nach insgesamt 223 Heften, die zwischen 1955 und 1975 erschienen waren, war endgültig Schluss. Bei meinen Großeltern fand ich zwei Mosaiks, die mein Vater in seiner Jugend gelesen hatte, im Fernsehschränkchen. Es waren unzusammenhängende Hefte der futuristischen Weltraumserie (Nr. 26: ›Notlandung auf dem Mars‹) bzw. der Ritter-Runkel-Reihe (Nr. 120: ›In hoffnungsloser Lage‹).

Auf meine begeisterten Nachfragen hin stellte mir mein Vater auch die übrigen Hefte seiner Sammlung zur Verfügung, treuhänderisch, was bedeutete, ich durfte sie lesen und verwahren, aber nicht eintauschen oder gar weggeben. Die vergilbten Hefte waren bereits mit transparentem Klebeband repariert worden und auf mehreren Seiten mit besitzanzeigendem Namensstempel versehen. Diese Tradition habe ich dann fortgeführt. Meine ersten eigenen »Digedags« habe ich bei den halbjährlichen Altstoffsammlungen in der Schule aus einem verschnürten Altpapierbündel gezogen. Es waren Fortsetzungen aus der Amerikareihe. Wie sich herausstellen sollte, hatte meine Mitschülerin Silvia Freitag noch mehr davon Zuhause. Ich bettelte und bettelte. Und hatte bald schon die Sammlung meines Vaters verdoppelt.

Ein Problem war die Kontinuität der Geschichten. Bei den »Digedags« unterscheidet man mehrere Hauptserien, die ein bestimmtes Thema verbindet. Es gibt die Weltraumreihe, die Erfinderreihe (unterhaltsam wie lehrreich), die Runkelreihe, die Amerikareihe und die Orientreihe. Ich hatte nun Hefte aus allen Serien, aber überall klafften riesige Lücken, die meiner Fantasie und Sehnsucht Tür und Tor öffneten. Zusammenfassungen, die manche Hefte einleiteten, sowie der Ausblick aufs nächste Heft waren da wenig hilfreich, lenkten aber die Vorstellungskraft in eine bestimmte Richtung. Ich hatte meine Digedag-Antennen stets ausgefahren und suchte nach fehlenden Ausgaben. Ich schloss Schulklassen übergreifende Freundschaften, nur um Mosaiks lesen zu können oder um zu tauschen. Einem Jungen namens Ives Rokitta verdanke ich dadurch einige rare Heftchen der Weltraum- und Erfinderserie aus den 1960er Jahren.

Einmal verbrachte ich eine ganze Erkältungswoche damit, alle vorhandenen Mosaiks in chronologischer Reihenfolge durchzulesen. Ich glaube, in dieser Woche habe ich mehr über die Welt gelernt, als wenn ich stattdessen zur Schule gegangen wäre. Meine Klassenkameraden Thomas Schenk und Enrico Baum brachten mir die Hausaufgaben ans Krankenlager, ich dozierte im Gegenzug über die Entdeckung der Dampfkraft durch Heron von Alexandria, Denis Papin und James Watt. Hatte ich alles zuvor von Dig, Dag und Digedag gelernt.

Darüber hinaus gab es auch Aussprüche, die ich bei den Digedags gelernt habe und bei passenden oder unpassenden Gelegenheiten wie geflügelte Worte zum Besten geben konnte – die Ritteregeln des Ritters Heino Runkel von Rübenstein. Hier einige besonders schöne Beispiele:

»Ein Ritter, welcher abwärts rodelt, ist selten stille, sondern jodelt.«
»Ein Ritter, der den Weg nicht kennt, kommt niemals in den Orient.«
»Ein Ritter, welcher kämpfen soll, schlägt sich zuvor den Magen voll.«

Und weil es an einer Stelle sogar heißt »Ein Ritter kämpfe nur mit Drachen, das Schreiben sollen andre machen!«, verweise ich hiermit auf einen Artikel eines professionellen Schreibers – Andreas Platthaus, seines Zeichens Comic-Auskenner der F.A.Z.: Die Kobolde und ihr Pionier. Bereits am Wochenende ist in der Berliner Zeitung ein Beitrag von Christian Schlüter erschienen: Das Wunder aus dem Osten.

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Dig, Dag, Digedag im DDR-Comic »Mosaik« (Link)
Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig: 17.2.–13.5.2012
Öffnungszeiten: Di–Fr, 9–18°° Uhr, Sa-So 10–18°° Uhr, Eintritt frei

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Eine Nachricht der Bahn, die den bisher ordentlich vernachlässigten Bahnhof Anklam betrifft, hat mich zu diesem Blogeintrag verleitet. Der Bahnhof Anklam hat seit kurzem als erste Station in Meck-Pomm eine Dynamische Schriftanzeige (DSA). „Diese modernen Lauftextanzeiger informieren über Abweichungen vom Zugverkehr und verbessern damit die Kundeninformation. Die Anzeiger werden aus dem Computersystem der Bahn über das Mobilfunknetz automatisch mit Daten versorgt.“ Und: Die Informationsanzeiger werden noch im Laufe dieses Jahres (2010) mit einer Lautsprecherfunktion erweitert.

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